»Roy Andersson ist der ausgeprägteste Stilist und schwärzeste
Humorist des europäischen Kinos.«
Sujet und Humor
Wie verbringen wir unsere Zeit auf der Erde? Ich zeige Beispiele aus dem Leben von Menschen und hoffe, dass das Resultat komisch ist. Dennoch sind meine Geschichten auch traurig, weil das Leben tragisch ist und wir eines Tages sterben müssen. Am Ende unseres Lebens werden wir wahrscheinlich all unserer Fehler, die wir begangen haben, gewahr. Ich möchte aber nicht, dass sich der Zuschauer schuldig fühlt, sondern mit meinem Film möchte ich ihn einladen, über die Art, wie wir unsere Zeit nutzen, nachzudenken. Mein letzter Film, Songs From the Second Floor, behandelte ein ernstes Thema: historische und kollektive Schuld. Das Jüngste Gewitter behandelt eher konkrete Fragen wie "Wie verhalte ich mich in Gesellschaft anderer", „Wie gehe ich mit täglichen Beziehungsproblemen um?“ oder „Wie erhalte ich von jemandem höher stehendem Aufmerksamkeit?“. Der Film ist um 50 Szenen herum konstruiert, die die wiederkehrenden Personen mit burlesken Situationen konfrontieren. Ich glaube, dass Leben für jeden von uns kompliziert ist und dass der Humor uns rettet. In diesem Sinne, sehe ich Das Jüngste Gewitter als eine Farce über das Menschsein.
Verdichtete Tableaux
Wichtige Ereignisse und das Schicksal anderer Menschen faszinieren uns. Aber wir lieben es auch, von einem Café aus heimlich die Menschen zu beobachten. Ich finde diese Verbundenheit mit der Einfachheit des alltäglichen Lebens auch in den Bildern von Millet und van Gogh wieder: Les Glaneuse interessiert mich ebenso sehr wie die epischen schlachten von Delacroix. Die Bilder von Millets sind mit solcher Sorgfalt, Präzision und Empathie ausgeführt, dass es scheint, dass ihnen darüber hinaus nichts von Bedeutung hinzugefügt werden könnte.
Ich versuche Szenen zu komponieren, die so dicht und detailliert wie möglich sind, um bei dem Zuschauer den Wunsch zu wecken, sich diese Szenen immer und immer wieder anzuschauen. Und damit versuche ich, das herkömmliche Rezeptionsverhalten des Zuschauers im Kino zu verändern.
Als Künstler scheint es mir notwendig, alte Gewohnheiten abzuschütteln. Das ist meine Art zu provozieren.
Erzählstruktur
Wenn ich einen Film mache, verlasse ich mich nicht so sehr auf ein klassisches Drehbuch, sondern viel mehr auf ein Thema, ein philosophisches Konzept oder eine besondere Atmosphäre. Für Das Jüngste Gewitter schuf ich Bilder, die die Personen mit großer Liebe für das Detail in alltägliche Situationen versetzt. Zusammen formen diese Szenen ein Ganzes, das der chaotischen Struktur eines hektischen Marktplatzes ähnelt. Zuerst und vor allem möchte ich die Situationen so konstruieren, dass sie offen für Überraschungen und unerwartete Entwicklungen bleiben. Die Szenen sind durch wiederkehrende Situationen oder Dialogzeilen verbunden. Mehr als einmal findet sich der Zuschauer in einer Bar wieder, wo eine leicht betrunkene Person vor sich hin murmelt, dass niemand sie verstehe. Zusätzlich zu ihrer humoristischen Qualität akzentuiert diese Wiederholung den universalen Aspekt meiner Charaktere.
Visueller Stil
Ich mag Szenen, die eine kontrollierte Einfachheit haben, gefilmt in der Totale aus einem Winkel und einer Einstellung. Es giebt nur sehr wenige Kamerabewegungen in meinen Filmen.
Ich benutze immer die gleiche Linse für alle Weitwinkeleinstellungen: eine 16mm Linse für eine 35mm Kamera. 1985 begann ich diese Linse zu benutzen als ich Werbefilme drehte und von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen bin ich der 16mm Linse treu geblieben. Wenige Regisseure haben diese Linse für Weitwinkeleinstellungen benutzt; meiner Meinung nach hat Peter Bogdanovich in THE LAST PICTURE SHOW 1971 zweifellos den denkwürdigsten Gebrauch davon gemacht. Mich selber hat es ein paar Jahre gekostet, darauf umzusteigen, denn den Weitwinkel zu benutzen erfordert vom Regisseur eine gehörige Portion Reife – etwas, was ich nur Schritt für Schritt erreicht habe.
Diese Art zu filmen, erlaubt es mir, die Charaktere in der sie umgebenden Welt zu lokalisieren anstatt sie zu isolieren. Es wird oft gesagt, dass wir jemandes Seele in seinen Augen sehen. Ich verwende keine nahen Einstellungen, weil ich die Menschen besser verstehe, wenn ich sie in dem Raum beobachte, in dem sie wohnen, und in der Umgebung, die sie gewählt haben, um in ihr zu leben.
Atmosphäre
In meinen Filmen schafft die Verbindung von weichem Licht, leicht mit weißem Make-up geschminkte Gesichter und ein monochromes Farbschema – meist in grünen Tönen – eine besondere Atmosphäre. Meine ersten Filme waren vom italienischen Neorealismus, besonders Vittorio de Sicas Ladri di biciclette, und die tschechische Novelle Vague. Aber ich erkannte bald die Grenzen von dieser Art des Realismus. Deshalb habe ich eine Stil entwickelt, der Szenen kondensiert und vereinfacht. Heute scheint mir diese abstraktere Ästhetik kraftvoller zu sein als der Realismus.
Träume und Wirklichkeit
Für diesen Film wollte ich reale Szenen mit Traumsequenzen abwechseln lassen – eine Mischung, die mich sehr fasziniert. In einer Traumsequenz kann man über das Leben freier reden, ohne sich Sorgen um die exakte Darstellung zu machen. Man kann so brutal und offen sein, wie man möchte. In Luis Buñuels Der diskrete Charme der Bourgeoisie mag ich besonders diese Szene, in der ein Mann zu einer Gruppe von Menschen sagt: "Gestern hatte ich einen Traum", und dann sehen wir diesen Traum. Buñuel zeigt eine Art von Freiheit und Geist, die ich unglaublich finde. Diese Freiheit hat mich sehr inspiriert.
Sets und Beleuchtung
Alle Szenen außer einer wurden in unserem Stockholmer Studio 24 gefilmt. Wir bauten ungefähr 50 Sets, einige von ihnen waren sehr groß. Das erlaubte mir, die von mir gewünschte Art von Einfachheit und Reinheit zu erreichen. Im Studio kann ich mir all die notwendigen Bedingungen schaffen, um als Regisseur absolut frei zu sein. Wir haben die Szenen mit einem sehr weichen Licht beleuchtet, das keine Schatten wirft. Dadurch kann man sich nirgendwo verstecken.
Schauspieler
Ich wähle meine Schauspieler sehr sorgfältig aus. Es spielt keine Rolle für mich, ob sie ausgebildete Schauspieler sind oder nicht. Was zählt, ist ihre Authentizität und ihre Präsenz auf der Leinwand. Ich denke, es ist interessanter aus einer Million Menschen in Schweden auszuwählen, als mich auf die 2.000 schwedischen Schauspieler zu beschränken. In der Regel bevorzuge ich neue Gesichter, und oft finde ich meine Schauspieler auf der Straße, in Restaurant oder unter meinen Bekannten.
Musik
Ich verwende im allgemeinen original komponierte Musik für meine Filme. In diesem Fall wurde ich von vielen verschiedenen Stilen inspiriert. (Jazz, Mozart, Russische Hymnen). Dennoch sind die Melodien sehr nah an New Orleans Jazz angelehnt, die ich auf der Posaune gespielt habe, als ich jung war. Ursprünglich wollte ich, dass die Musik in dem Film live gespielt wird, so dass wir die Leute die Musik spielen sehen und hören. Letztlich fand ich aber einige Szenen so musikalisch in sich, so dass ich meine Meinung änderte und noch weiter ging: Manchmal beginnen die Schauspieler zu singen.