Film

Review: Das jüngste Gewitter

„Freue dich also Lebendger der lieberwärmeten Stätte, Ehe den fliehenden Fuß schauerlich Lethe dir netzt.“ – Goethe, Römische Elegien, das Zitat mit dem You, the Living beginnt

66140_originalREGIE: Roy Andersson

HAUPTROLLEN: Viele Rollen sind von recht unbekannten Schauspielern besetzt, die etwa gleich gewichtet werden

HANDLUNG: Ein Mann schläft auf einer Couch, wacht auf, schaut in die Kamera, sagt er hatte einen Albtraum. Dass die Bomber kommen. Der Film zeigt um die fünfzig trocken, absurde Szenen, mit vielen unglücklichen Charakteren, in einer namenlosen schwedischen Stadt. Manche von ihnen erzählen uns von ihren Träumen. Einprägsame Szenen zeigen einen Musiker, der uns Liebe machend von der Leistung seines Fonds erzählt, oder auch eine junge Frau, die von einem Rock-Musiker verschmäht wird, der von ihrer gemeinsamen Hochzeit träumt.

 

HINTERGRUND:

  • Regisseur Roy Andersson macht bereits seit Anfang 1967 Kurzfilme. Nach seinen ersten zwei, En kärlekshistoria (1970) und Giliap (1975), fing er an die Regie für Werbespots zu übernehmen. 2000 kam er zurück, mit seinem gefeierten Film Songs from the Second Floor. Dieser Film erschien als er 64 war.
  • Die Finanzierung von You, the Living wurde vom schwedischen Filminstitut abgelehnt; Andersson beschuldigte das Institut des Nepotismus, nachdem es einem Familienmitgliedes des Instituts einen Film finanzierte. Anderssons Film wurde letzten Endes aus fünf verschiedenen Ländern finanziert, öffentlich wird er als Schwedisch-Französisch-Deutsch-Dänisch-Norwegische Koproduktion aufgelistet.
  • Die Schauspieler des Films sind hauptsächlich Amateure ohne viel Filmerfahrung. Der Musiker wird von Eric Bäckman dargestellt, ein Mitglied einer schwedischen Gothic Metal Band, namens „Deathstars“.
  • Alle Szenen, bis auf eine Ausnahme, wurden in Anderssons eigenem Studio gefilmt.

UNVERGESSLICHE SZENE:  Alle sprechen über die bittersüße Hochzeitfantasie, wobei die nackte, dicke Frau auf dem dünnen Mann, mit Pickelhaube auch recht unvergesslich ist, vielleicht für die falschen Gründe.

WAS DEN FILM SO KOMISCH MACHT: Der Film ist aus vielen desorientierenden Szenen mit wiederkehrenden Charakteren22 aufgebaut. Manche sind vollkommen natürlich andere wirken total absurd. Doch alle sind in der unbehaglichen, melancholischen Komödie vereint. You, the Living fühlt sich wie eine Reihe von Träumen vereint in einem großen dunklen Traum an.


Englischer Trailer von You, the Living

KOMMENTARE:

Ein rätselhafter Film braucht einen rätselhaften Titel. You, the Living passt sehr gut. Wer sind diese „You“ (Ihr), die der Titel anspricht: die Charaktere, die im Film gefangen sind, deren Leben so erschlagend einseitig sind? Oder ist der Zuschauer gemeint? Und wer könnte „die Lebenden“ (the Living) ansprechen, als sei er nicht Teil dieser Gruppe?

Regisseur Roy Andersson versetzt den Zuschauer in eine allwissende Perspektive, aus der er die leise verzweifelnden Bürger der unbekannten schwedischen Stadt beobachtet. Diese statische Perspektive ändert sich nur einmal und bewegt sich nur zweimal in langsamen beobachtenden Aufnahmen. Manchmal starren die Charaktere direkt in die Kamera und teilen ihre tiefsten Gefühle.

Die Perspektive hat etwas von der Objektivität einer Dokumentation, allerdings sind viele der Szenen alles andere als realistisch. Man denke an die erste Szene nach der Einleitung: eine schluchzende fette Frau auf einer Parkbank, beschwert sich, dass keiner sie liebe und verstehe. Ihr Begleiter, ein noch fetterer, ungepflegter Mann in schwarzer Motorradkleidung, voll mit SS-Symbolen und Schädel Tattoos, hört ihr mit schmerzlichem Ausdruck zu. Dann  versichert er sie, dass er und sein Hund sie wirklich lieben. Doch die Frau besteht auf ihre Einsamkeit und fordert ihren Begleiter auf zu verschwinden. Dann fängt eine Jazz-Melodie an und sie beginnt zu singen, wie gerne sie ein Motorrad hätte. Ein sanft aussehender Mann tritt hinter einem Baum hervor, um ihr zuzustimmen, aber sie beachtet ihn nicht.

Es geht weiter, mit ausdruckslosen Köchen, die aus einem verglasten Fenster auf eine unbekannte Aussicht sehen. Aber die Charaktere vom Anfang, die depressive Frau, der dicke Motorradfahrer und der schüchterne Mann, kommen wieder und leben unschlüssige Geschichte weiter. Ihnen schließt sich eine Gruppe marschierender Musiker an, die mit ihrem Jazz ihre Familien und Nachbarn zum Schreien bringen. Dazu gehören eine junge Frau, die von einem Rockstar schwärmt, ein Mann der im Stau steht und davon träumt wie er den Tischdeckentrick auf einer Party mit Fremden macht. Und dabei scheitert. Außerdem ein Taschendieb, ein rassistischer Unternehmer mit seinem arabischen Friseur, ein Beerdigungssänger, und andere. Alle sind in einer düsteren Bar versammelt. Der Barmann kündigt immer an: „Morgen ist auch noch ein Tag“. Der Aufruf klingt, mit dem Andauern des Films immer und immer fatalistischer.

Ohne klare Handlung, bringt der Film einige eigenartige Überraschungen, von denen hier nichts verraten werden soll. Da der Film so unvorhersehbar ist, sollte es leicht fallen bis zum mysteriösen Ende dran zu bleiben. Andersson schafft eine düstere, farbenlose Welt, bewohnt von blasse Gestalten, die antriebslos und langsam sprechen. Trotz dieser nordischen Trostlosigkeit und Einsamkeit ist der Film eine Komödie. Es gibt Ausschnitte, die aus einem alten Chaplin Streifen stammen könnten. Zum Beispiel der Mann der geduldig in einer Schlange ansteht und dem am Ende sein Platz knapp genommen wird. Aber die Komödie ist nicht immer so offensichtlich.  Der Humor des Films lockt eher ab und zu ein bittersüßes Lächeln hervor als Gelächter. Der Zuschauer erhält ein Einblick in die Absurdität des einseitigen modernen Lebens. Das Lächeln ist nur möglich weil Andersson einen gewissen Abstand zwischen seine Zuschauer und die dargestellten Charaktere schafft. Die Szenen von You, the Living schafft schon fast ein neues Genre. Nicht schwarze Komödie, sondern eher eine kahle, trübe Komödie.

Die Musik ist das einzige, das ein wenig Licht in die öde Welt der lebenden Toten wirft. Der frohe Jazz hallt durch den Film und wirkt äußerst ironisch, verglichen mit den traurigen Leben, die die Charaktere führen.

Die gefühlvollen, bluesigen Stücke die Rockstar Micke Larsson aus seiner Gitarre schmettert tragen enorm zu der unbeschreiblichen Schönheit der Traumszene bei. Vor allem wenn er plötzlich improvisiert und dabei von einer Oom-Pah Band begleitet wird. Die schwedische Melodie wird normalerweise auf Beerdigungen gespielt. So werden alle drei musikalischen Hauptmotive des Films in einem meisterhaften Moment vereint.

In der Presse beschreibt Andersson, dass You, the Living eine  Geschichte „über die Menschliche Existenz, über das Geschäft Mensch zu sein, über menschliches Verhalten, über die menschlichen Bedenken, Träume, Sorgen, Freude und den unstillbaren Durst nach Anerkennung und Liebe“ ist. Aber nicht alle dieser Elemente kommen direkt im Film vor. Was offensichtlich fehlt ist die Freude. Eine wohl passendere „Moral der Geschicht“  wäre wohl der Monolog eines Psychiaters in der Mitte des Films: er sagt seine Patienten „verlangen glücklich zu sein, aber dennoch bleiben sie selbstsüchtig und geizig. Ich würde gern ehrlich sein. Ich würde ihnen gerne sagen dass sie einfach gemein sind, die meisten zumindest… Mittlerweile verschreibe ich einfach nur noch Pillen. Umso stärker, umso besser.“

Anders als der Psychiater hat Andersson noch nicht aufgegeben. Er verschreibt keine Pille. Er ist ehrlich. ER sagt das viele von uns einfach gemein und geizig sind und da Unglück unser eigener Verdienst ist. Das Zitat von Goethe, vom Anfang des Films erinnert daran die flüchtigen Freuden des Lebens zu genießen, denn der Tod kommt schneller als man denkt. Der Titel You, the Living klingt fast wie eine Anschuldigung. Aber wie bei Goethe kann man es auch als Warnung verstehen. Wir, die Lebenden sollten uns gut selbst unter die Lupe nehmen, so wie Andersson die Kamera auf seine Charaktere richtet.

Trailer: Das jüngste Gewitter